Die Kriegsjahre

Im Oktober 1899 brach der Krieg zwischen Buren und Engländern aus. Durch den Jameson Raid hatten die Engländer das Goldfeld nicht erobern können. Nun wollten sie es im Krieg gewinnen.

Alle Afrikaner und Bürger des Landes wurden aufgerufen, auch mein Bruder Georg und ich stellten uns beim Kommando in Rustenburg. Doch unser Feldkornett schickte uns beide zurück mit dem Befehl, mein Bruder solle die Dampfmühle in Bethanie, die ich 1896 von Patein Mamogahle, der diese 1892 hatte bauen lassen, ihm für 550 Pf und abgekauft hatte, im Gang halten für die zurückbleibenden Familien. Mir wurde gesagt, für ebendenselben Zweck solle ich mein Geschäft fortsetzen. Das Rustenburg-Kommando zog nach Derdepoort unter General van Rensburg, um die Nordgrenze gegen Einfälle von Rhodesia zu bewachen. Das Kommando nahm Stellung am Marikofluß, der die Grenze von Transvaal und Bechuanaland bildet. Eben jenseits des Flusses lag eine große Kaffernstadt, "Siquane" von Linevas Volk. Der Verkehr zwischen den Buren und den Schwarzen war friedlich, bis eines Morgens früh die Schnellfeuerkanonen auf das Burenlager schossen. Die Engländer hatten sich in der Nacht herangeschlichen und feuerten nun über den Fluß aus das Burenlager. Diese, nichts ahnend, lagen noch in tiefem Schlaf. Als das Schießen losging, flüchteten die meisten in den dicken Busch und damit in die Arme der bewaffneten Kaffern, die durch die Engländer bewaffnet waren und das Lager umstellt hatten. Die Kaffern haben an dem Morgen über dreißig Buren getötet, meistens mit Assegeien und Knopkeries, Wurfspeeren und Knotenstöcken. Einige der Buren sind nach Hause geflüchtet, doch die meisten, die nicht gefallen waren, blieben im Lager und nahmen den Kampf mit den Kaffern auf. Die Engländer mit ihren Kanonen waren gleich nach dem Überfall abgezogen. Die Buren gingen jetzt über die Grenze und fochten mit den Kaffern und brannten die ganze Stadt nieder. Die Kaffern mit Familien flüchteten nach Bulawayo. Der Krieg mit den von den Engländern aus gestachelten Kaffern war nun im Gange. Die Buren verlegten ihr Lager in die abgebrannte Kaffernstadt. General Barnard war gefallen.

Jetzt wurden wir aufgerufen nach Derdepoort. Mein Bruder und ich machten uns Mitte Januar aus den Weg, nachdem wir unsere Famillen bei unseren Schwiegereltern in Sicherheit gebracht hatten. Wir packten unsere Gewehre, Proviant, Kleider, Decken usw. auf eine einzige Karre, spannten Berlin und Moskau, meine beiden Maulesel, vor und fuhren los. Es hatte tüchtig geregnet, und die Flüsse waren voll und der Weg schwer. Derdepoort ist 180 Meilen von Rustenburg entfernt, tief unten im Buschfelde. Am dritten Tage kamen wir abends beim Lager an und wurden der Abteilung unter Feldkornett Jan du Plessis zugeteilt. Die Engländer sind nie wieder dahin gekommen, nur große Kaffernkommandos streiften im Busch herum, kamen aber nicht in erreichbare Nähe. Wir waren dort etwa 350 Mann, hatten etwa vierzig Ochsenwagen, die aneinandergeschoben einen Kreis bildeten. Um diesen Kreis herum wurden Steinwälle als Schanzen gepackt. Unser Dienst bestand darin, Patrouillen zu laufen und nachts auf Wache zu stehen. Ein Überfall ist nicht wieder vorgekommen, nur einzelne Kaffern wurden aufgegriffen und gefangengehalten. Wir hatten auch drei Kanonen und einige Artilleristen unter Major Dalwig dort. Fast alle Kroondaler Deutschen waren da. Jeden morgen wurden fünf Ochsen geschlachtet für den Tag. Fleisch genug, aber alles andere Essen war rar. Unser Kamerad W. Müller hatte noch ein Säckchen trockene Erbsen. Als wir nichts anderes mehr zu essen hatten, setzten wir davon einen Topf voll aufs Feuer, kochten sie drei Tage lang. Da waren sie noch so hart, daß es unmöglich war, sie zu essen.

Die Gespanne Ochsen wurden zurückgeschickt nach Pilandsberg, weil wir bange waren, daß die Kaffern sie des Nachts stehlen würden. Von Rustenburg schickte man uns zwei Ochsenwagen mit Essen und Kleidern. Diese nahm ein großes Kaffernkommando unterwegs in Beschlag, tötete die Begleitmannschaft und brachte unsere Sachen zu ihrem Häuptling Lintschne.

An einem Sonnabend kam ein Pastor ins Lager, um am Sonntag Gottesdienst zu halten. Er schlief auf einem unserer Wagen. In der Nacht wurde auf einmal ein rasendes Geschieße im Lager gehört. Der Pastor sprang vom Wagen herunter und rief: " Kinder, was ist los? Sind sie hier?" Doch es war nichts los, der Kommandant hatte sich den Spaß erlaubt, dem Pastor mal Angst einzujagen.

Die Lage wurde im Februar bedenklich, da Malaria ausbrach und über dreißig Mann krank lagen. Unser Essen war bis aus das Fleisch aufgezehrt. Die vielen Kranken und die ganze untätige Lage brachten uns zu dem Entschluß, die Ochsen kommen zu lassen und zurückzuziehen. Ein Teil der Mannschaft, der beritten war, wurde nach der Westgrenze bei Gabarones verschoben.

Auch mich packte die Malaria. Am 6. März fiel ich abends bewusstlos rücklings vom Wagen und konnte nicht wieder aufstehen. Ein paar Tage darauf kamen die Ochsen an. Nun wurden alle Wagen bespannt, und das ganze Lager zog ab, zurück bis Janse Kop, etwa 60 Meilen rückwärts. Ein Deutscher und ich lagen auf einem Wagen in stärkstem Fieber. Die deutschen Kameraden forderten von unserem Feldkornett Piet Krüger — dies war der jüngste Sohn vom Präsidenten Paul Krüger — , daß wir nach Hause geschickt würden. Er befahl, uns nach Rustenburg zu bringen. Dort angekommen, wurde mein Freund gleich ins Hospital gebracht, wo er nach einigen Tagen starb. Ich selbst wurde auf eine Karre geladen und zu meiner Familie nach Kana gebracht. Da habe ich zwei Monate sehr krank gelegen, hatte aber gute Pflege und wurde langsam besser.

Ende Mai ging ich mit meiner Familie zurück nach Bethanie. Damit endete meine Teilnahme am Kriege. Ich habe nicht die Ehre gehabt, einen Schuß auf den Feind abzuschießen.

In Juni nahmen die Engländer Rustenburg. Ein englischer Hauptmann mit einem Kommando kam nach Bethanie, und ich gab meine Waffen, drei Gewehre, an ihn ab. Dafür erhielt ich einen Residential-Paß, daß ich zu Hause auf Bethanie bleiben könne, und eine Bescheinigung, daß ich meine Waffen abgegeben hatte.

Das Fieber faßte immer wieder nach, und ich war bis August immer noch krank. Da mein Bruder Georg beim Kommando geblieben war, mußte ich die Mühle mit übernehmen und aufpassen. Im September schichten die Engländer von Rustenburg hundert Mann mit einer Kanone, um die Mühle mit Dynamit auf zublasen. Den Offizier war jedoch verständig und nahm nur von der Mühle und vom Mahlzeug bestimmte Teile mit, so daß ich nicht mehr mahlen konnte. Die Mühle stand voll von Mehlsäcken, die ich für die Burenfamilien gemahlen hatte. Dieses Mehl wurde durch die Tommys alles draußen ausgeschüttet und im Sande vertreten. Was den Schwarzen gehörte, ließen sie stehen. Wir mußten von da an unser Mehl auf Kaffeemühlen mahlen. Schon im August war General Christian de Wet mit seinem Burenkommando durch Bethanie gezogen nach Waterberg. Die Leute seines Kommandos waren sehr abgerissen und dürftig. Sie nahmen alles mit, was ich noch an Männerkleidung im Laden hatte, bezahlten aber alles mit Kriegsgeld, Noten, sogenannte Blue Backs, von denen ich heute noch über 300 Pfund habe, da sie nie eingelöst sind. Die Engländer hatten bei Friedensschluß versprochen, alle Schulden der Transvaal-Regierung zu bezahlen, haben es aber nie getan, und so habe ich noch heute diese Scheine, ein teures Andenken vom Burenkrieg.

Im Oktober kam ein englisches Kommando unter General Padgett durch Bethanie, es wollte nach Rustenburg. Dies waren Australier, ein Infanterie-Regiment. Dabei waren mehrere Buren, die zu den Engländern übergelaufen waren. Dieses Kommando kampierte in der Nacht auf Bethanie. Ein Hauptmann Williams kam des Abends zu uns, um mit mir zu reden. Die Unterredung spielte sich draußen auf der Veranda ab, wie folgt:

Er: "I am Captain Williams" are you Mr. Behrens?"
Ich: "Yes.”
Er: "Oh, you have got a very bad name. Sie haben einen schlechten Namen."
Ich: "Das tut mir leid, kann aber nichts dafür."
Er: "Du hast noch einen Bruder, der noch bei den Buren im Felde ist und ficht"
Ich: "Ja."
Er: "Weshalb lässt du ihn nicht nach Hause kommen und seine Waffen abgeben?"
Ich: "Er ist ein selbständiger Mann und muß wissen, was er zu tun hat."
Er: "Du hast Verbindung mit den Buren."
Ich: "Ja, hier war heute morgen ein Burenkommando." Beinahe wäre er in Ohnmacht gefallen.
Er: "Wo sind die Buren?"
Ich: "Sie sind fortgeritten. ich weiß nicht, wohin."
Er: "Was wollten die Buren bei dir?"
Ich: "Sie wollten Sachen im Laden kaufen."
Er: "Du darfst ihnen aber nichts verkaufen."
Ich: "Die Leute waren bewaffnet. Ihr habt mir meine Waffen abgenommen. Wie kann ich mich nun gegen ein bewaffnetes Kommando wehren?"
Er: "Ja, das ist freilich schwierig, doch ich sage dir, wenn sie wiederkommen, darfst du dich nicht mit ihnen unterhalten."
Ich: "Gut, ich werde das besorgen."
Er: "Weist du, daß ich das Recht habe, dich sofort als Kriegsgefangenen mitzunehmen?"
Ich: "Ja, das weiß ich."


Er hielt noch eine lange Rede, war wütend, wie eine gereizte Bulldogge, dann schob er ab zum Lager.

Er schickte dann noch einen Buren, um mich auszuhorchen. Ich sagte diesem aber nur, was er wissen sollte. Am nächsten Morgen zog das Kommando weiter nach Berseba. Ich war froh, so gnädig davongekommen zu sein. Um 10 Uhr kam ein Schwarzer und brachte einen Brief on Williams. Er schrieb, ich müsse sofort kommen, um ihnen den Weg nach Rustenburg zu zeigen. Meine Pferde waren schon zu Anfang des Krieges von den Buren abkommandiert. Ich hatte mir von de Wets Leuten ein abgemagertes Pferd für zwei Pfund gekauft und herausgefüttert. Dieses sattelte ich auf, nahm Decke und Regenmantel und ritt nach Berseba, einer Missionssstation, wo Mtissionar Schepmann Missionar war. Dort angenommen, sah ich die Verwüstung. Die Engländer hatten ihre Ochsen in die reifen Kornfelder gejagt, um alles zu vernichten. Zu C. Williams gebracht, wurde mir mein Pf erd abgenommen, ich sollte am Wagen stehend warten, ein englischer Soldat mit auf gepflanztem Bajonett neben mir. Da habe ich bis vier Uhr nachmittags gestanden, dann zog das Kommnando weiter. Missionar Schepmann mit Decke unter dem Arm wurde auch gebracht, er sollte ihnen auch den Weg zeigen. Wir beide mußten in den Wagen steigen, der Tommy bei uns, um uns zu bewachen, und die Reise nach Rustenburg ging los. Als ich Abschied von meiner Familie nahm, sagte ich gleich zu meiner Frau: "Dies ist nur ein Vorwand von C. Williams, um mich als Kriegsgefangenen mitzunehmen." So war es auch, obwohl ich einen Residential-Paß von einem englischen Offizier hatte. Wir fuhren über Skaapkraal durch den Torf, einen schwarzen, klebrigen Boden. Durch starken Regen am Abend zuvor war der Boden naß und fast unpassierbar geworden, und wir kamen nur langsam vorwärts. Das Kommando hatte eine von den schweren Liddit-Kanonen bei sich, mit 40 Ochsen bespannt. Bei einer Biegung war diese gegen einen Baum festgefahren, konnte nicht vor- noch rückwärts. Der Baum mußte an der Erde abgehauen werden. Die Tommys konnten ihn nicht abkriegen. Als alles Fluchen und Schimpfen nichts half, setzte sich Captain Williams selbst in den nassen Torf und haute den Baum um. Er war ein Wüterich. Dann fuhren wir bis auf die Bult, eine kleine Anhöhe, da wurde kampiert. Als Abendbrot bekamen wir einen Becher Tee und zwei Biskuits, steinharte Zwiebäcke, und durften neben unserem Wachtposten im Wagen schlafen. Früh ging es weiter im Wagen, hinter den anderen dreißig Wagen und der Kanone her. An jeder Seite des Weges mußten Soldaten in Abständen und Kolonnen von je zwanzig Mann marschieren, um die Buren zu empfangen, wenn diese aus den Bergen hervorbrechen sollten. Die Angst vor den Buren war riesengroß. Die armen Tommys, die mit voller Ausrüstung in dem nassen Torf marschieren mußten, einer hinter dem anderen, taten mir sehr Leid. Sie konnten mit den Klumpen Torf an den Füßen kaum fortkommen. Wenn die Wagen still hielten, was oft geschah, wenn ein Ochse fiel, der aus Mattigkeit nicht weiter konnte und dann einfach totgestochen und aus dem Weg gezogen wurde, warfen sich die Tommys, die neben dem
Weg marschieren mußten, auf die nasse Erde, um solange zu ruhen. Als wieder einmal die Wagen standen, saß ich auf der Vorderkiste des Wagens und sah mir die Sache an. Schepmann saß im Wagen, neben unserem Wagen ruhten sich zwanzig Tommys auf der Erde aus. Mit einemmal sprang ein junger Soldat auf, mich ansehend sagte er: "I'll kill you, you bloody Dutchman", legte sein Gewehr an, um mich von der Wagenkiste herunterzuschießen. Sofort sprang ein zweiter auf und schlug das Gewehr des ersten in die Höhe, so daß der Schuß in die Luft ging. Wohl nie im Leben bin ich so nahe an meinem Ende gewesen, wie an diesem Morgen.
Zu Tode erschrocken blieb ich auf der Kiste sitzen. Den schnellen Entschluß des Mannes habe ich verstehen können, ich als sein Feind saß großartig und fuhr auf dem Wagen. Er mußte hungrig und müde im nassen Torf patschen. Da hat ihn das bittere Gefühl übermannt, und er wollte sich rächen. Wie schon gesagt, taten mir die armen Kerls in der Seele Leid, ich habe sie auch nicht etwa spöttisch oder schadenfroh angesehen. Das Gesicht des sehr jungen Soldaten sehe ich heute noch vor mir.

Von Jantjieskraal, wo wieder ausgespannt wurde, wurden Schepmann und ich mit unserer Wache voraus geschickt nach Rustenburg, wo wir um fünf Uhr nachmittags ankamen. Das Kommando kam später nach.

Als auf Rustenburg ausgespannt war, legten wir uns unter den Wagen und warteten der weiteren Dinge. Da kam ein englischer Offizier, Captain Smitterman, den ich von Bethanie her kannte, er hatte dort Hafer usw. für das Militär aufgekauft, und war sehr erstaunt, uns da zu treffen. Er fragte, was wir da wollten, und als ich ihm deutlich gemacht, daß Captain Williams uns als Kriegsgefangene mitgebracht hatte, sagte er: "Oh, Captain Williams is a fool. Du hast doch einen Residential-Paß. Ich werde sorgen, daß ihr zurückkommt. Wo wollt ihr heute Nacht schlafen?" Wir sagten, bei Missionar Müller hier auf der Missionsstation. Er sagte: "Gut, nehmt eure Decken und geht dahin." Wir schoben ab, sehr froh, daß wir Unterkunft haben sollten. Wir waren noch nicht halbwegs angelangt, da hieß es: "Wer da?" Eine Wache nahm uns ins Verhör. Als wir alles wahrheitsgetreu berichtet hatten, sagte er: "Das ist alles nicht wahr, ihr seid Burenspione, kommt mit!" und brachte uns direkt hinauf zum Gefängnis; da wurden wir in
eine Zelle, die acht mal vier Fuß weit war, geschoben und eingeschlossen. In derselben Zelle saßen schon zwei Buren, einer war Kommandant Kersting. Nun sollten wir schlafen. Es war aber kein Gedanke daran. Wir vier konnten eben sitzen, zum Liegen war die Zelle zu klein. Bald wurde es in der dunklen Zelle lebendig. Hunderte von Wanzen packten uns an und hoben uns fast von der Erde auf. Da war an Schlaf erst recht nicht zu denken. Früh am nächsten Morgen — man hatte uns eben in den Hof hinausgelassen — kam ein Reiter angaloppiert, fragte den Wärter, ob hier gestern abend zwei Männer eingeliefert seien. Der Wärter bejahte. Da hieß es, wir sollten sofort zu General Padgett kommen. Als wir da ankamen, sagte er zu seinem Adjutanten, er solle uns Pässe geben lassen, damit wir nach Hause reiten könnten. Dies geschah. Ich erhielt mein Pferd zurück, Schepmann einen mageren Militärgaul, und dann machten wir uns schleunigst auf den Weg nach Hause. An dem Tage war die Schlacht bei Rooikrans. Wir hörten den Kanonendonner. Damals sind viele Engländer gefallen, ob Captain Williams auch, weiß ich nicht. Die Freude, als wir zu Hause ankamen, war groß. Captain Smitterman hatte sein Wort gehalten. Er war ein Gentleman.

Zu Ende 1900 waren die Kommandos der Buren sehr auseinandergesprengt. Viele Bürger gingen nach Hause, auch mein Bruder kam nach Haus. General de la Rey und C. de Wet waren mit ihren Kommandos nach Waterberg geflüchtet; die allgemeine Meinung war, daß der Krieg verloren und zu Ende sei. Pretoria war eingenommen. Da kam eines Tages General Jan Kemp durch Bethanie. Nachdem er bei mir gefrühstückt hatte, zog er mit seinem Kommando weiter, und am nächsten Tag schlug er die Engländer in der Schlacht bei Nooitgedacht. Auch General de la Rey kam durch Bethanie von Waterberg zurück und sagte: "Der Krieg ist nicht zu Ende, wir kämpfen weiter, und ihr müßt alle mit." Mein Bruder und ich machten uns fertig und schlossen uns seinem Kommando an. Als wir in Sterkstroom beim Kommando eintrafen, hier es: "Einer von euch muß zurück, um für die Frauen und Kinder zu sorgen." Wir stritten uns, wer von uns beiden zurückgehen sollte. Schließlich losten wir, und das Los zurückzugehen, traf mich. Es war das Richtige so, denn Bruder Georg war ein weit besserer Schütze als ich und hat noch viel im Krieg geleistet, wurde auch zum Feldkornett gewählt und hat bis kurz vor Friedensschluß gefochten, bis er gefangengenommen wurde. Am 6. Januar 1901, an einem Sonntagmorgen, überraschte uns in Bethanie ein englisches Kavalleriekommando. Es waren Australier unter Col. Hickman. Mein Vetter, Missionar W. Behrens, der gerade im Talar zur Kirche ging, und sein Sohn, auch ich, der vor dem Hause stand, mußten sofort mit. Es wurde mir nicht erlaubt, ins Haus zu gehen, meine Sachen zu ordnen oder irgend etwas zu holen. Mein Pferd wurde gesattelt gebracht, und es hieß aufsteigen. Mein Vetter hatte noch zwei schöne Karrenpferde, die wurden vor die Karre gespannt, und er nebst Sohn mußten aufsteigen, und fort ging es. Oberhalb Bethanie, etwa 1200 Meter weit, kampierte das Kommando. Da mußten auch wir, von Wachen umstellt, bis drei Uhr nachmittags lagern.

Am 6.Januar, am Tage, als die Engländer uns von Bethanie fortbrachten, mußten wir etwa hundert Meter von unserer Wohnung ab für sieben Stunden liegen, ehe es weiterging. Ich wußte, daß meine Frau einen schönen Hühnerbraten für den Sonntagmittag auf dem Feuer hatte. Ich hatte große Lust auf ein Stück davon, nahm ein Stück Papier und schrieb mit Bleifeder an meine Frau, sie solle mir etwas Hühnerbraten heraufschicken. Den Zettel gab ich einem Schwarzen mit der Weisung, ihn meiner Frau zu bringen. Wir waren von Wachen umstellt, und der eine Tommy hatte gesehen, daß ich dem Jungen den Zettel gab. Es dauerte nicht lange, und ich wurde zum Führer des Kommandos gerufen, Major Hickman. Er hatte seine Offiziere zu einem Kriegsgericht zusammengerufen. Ich wurde beschuldigt, daß ich Nachricht an die Buren mit einem Schwarzen geschickt hätte. Der Wahrheit gemäß erklärte ich, was ich getan hatte. Doch alles half nicht, sie blieben bei ihrer Behauptung. Ich mußte erst den Zettel von meiner Frau holen lassen, und mein Vetter W. Behrens mußte unter Eid übersetzen, was auf dem Zettel, stand. Danach wurde ich freigesprochen. Meine Frau schickte mir dann doch ein schönes Stück Hühnerbraten mit den nötigen Gerichten und Tunke dazu. Dieses war für lange Zeit die letzte gute Mahlzeit, die ich genossen habe, denn die Rationen, die wir bei den Engländern erhielten, waren alles andere als Hühnerbraten.

Meine Kusine, Fräulein Behrens, hatte eine schöne Herde Gänse. Als die Engländer am Morgen ankamen, schickte sie ihr schwarzes Mädchen Martha hin, die Gänse in den Stall zu jagen, sich vor die Tür des Stalles zu stellen und keinen Tommy darankommen zu lassen. Martha
war nicht bange, und wenn die Tommys in die Nähe kamen, schalt sie mordsmäßig, so daß sie abzogen. Einer machte sich aber an das Mädchen heran und fragte: "Girly, was hast du denn da?" Sie aber schimpfte und stieß ihn fort. Er hatte aber gesehen, was in dem Stall war und war recht freundlich zu Martha und sagte: "Never mind, Girly, we will take them by and by" und ging davon. — Meine Kusine und auch Martha mußten mit nach Irene. Des Abends konnte man sehen, daß viele Reiter Gänse am Sattel baumeln hatten. Da weinte meine Kusine bittere Tränen. Martha hatte ihr Möglichstes getan, aber die Tommys hatten die Gänse doch mitgenommen. Es ist nicht eine einzige am Leben geblieben.

Als wir Männer am 6. Januar morgens um 10 Uhr als Gefangene fortgef ührt wurden, blieben unsere Frauen und Kinder unbeschützt zurück. Da hatten die Tommys freie Hand. Zuerst machten sie sich an die Speisekammern mit den vielen Jam und eingelegten Früchteflaschen. Damit wurde erstmal vollständig aufgeräumt. Ich denke, die Tommys müssen noch oft von den herrlichen 'canned' Sachen der dummen Buren geträumt haben. — Um drei Uhr gaben die Engländer Befehl an die Frauen, sie sollten alles, was sie nötig hätten, ein packen und sich fertig machen, sie müßten mit nach Irene. Meine Frau war im Laden gewesen, wo mein Gehilfe verkaufte, was noch da war. Dann kam ein Captain und sagte: "Komm, du mußt einpacken. Ich werde dir helfen." Unser Haus war verschlossen. Meine Frau ging, um aufzuschließen. Der Captain sagte: " Ich werde mit hineinkommen, um dir zu helfen." Meine Frau: " Nein, ich werde schneller allein fertig. Wenn du hereinkommst, wollen die Tommys, die hier herumstehen, auch hinein." Er sagte: " Nein, nur ich allein werde mit hineinkommen." Da schloß sie auf. Der Captain lief sofort hinein und die ganzen Tommys auch. Dora ging direkt durch's Eßzimmer in die Stube auf die Kommode zu, wo ihre Schatulle mit goldener Uhr, Broschen usw. stand. Doch diese war fort. Sie wandte s ich an den Captain und fragte: "Wer hat meine Schmucksachen hier genommene?" Er: "Wo waren sie?" Dora: "Hier haben sie gestanden." Er: " O, du hast sie sicher anderswo hingestellt." Dabei riß er alle Auszüge auf und schüttete alles auf den Boden. Er suchte ja den Schmuckkasten, den er sicher längst in der Tasche hatte. Dora hat nie etwas von ihren Sachen wiedergesehen. Die Tommys wühlten alles um und nahmen, was sie wollten.

Unsere schwarzen Jungen, und Mädchen halfen den Frauen beim Aufladen der Sachen, und dann ging die Reise los. Die drei Frauen und vier Kinder mußten alle in einem kleinen Pferdewagen logieren. Eine Viertelstunde weit vom Hause weg mußten sie die Nacht über kampieren und auf der vom Regen nassen Erde schlafen, da für die sieben Personen in dem Wagen nicht genügend Platz war. Unsere drei Kinder hatten alle Keuchhusten. Am dritten Tage trafen sie dann beim Kamp ein, von wo es dann weiter nach Irene ging.

Um drei Uhr nachmittags brachen auch wir auf, und es ging weiter nach Pretoria zu. Was aus unseren Familien geworden war, erfuhren wir nicht. Am Kareepoort wurde die Nacht kampiert, am nächsten Morgen ging es weiter bis Kommandonek, wo ein Lager bezogen wurde. Mein Pferd wurde mir abgenommen, und ich mußte mich der Karre von Vetter W. Behrens anschließen. Wir wurden als Kriegsgefangene behandelt und scharf bewacht. In der Nacht kam der zu diesem Kommando gehörende Konvoi im Lager an. Wir gingen hin und fanden, daß unsere Familien, auf Wagen geladen, auch mitgekommen waren; auch unser Vieh und meine unverheiratete Kusine Christine Behrens war dabei. Meine Frau nebst unseren drei Kindern, meines Vetters Frau nebst zwei Kindern und meine Kusine, acht Personen, hatten die Fahrt in einem kleinen Pferdewagen machen müssen. Am nächsten Morgen hieß es: Ihr müßt, euch fertigmachen, ihr sollt nach Irene ins Konzentrationslager geschickt werden. Da sagte ich zu meinem Vetter: "Ich will doch versuchen, eine Kuh mit ins Kamp zu nehmen, um Milch für unsere kleine Tochter zu haben." Wir fragten um Erlaubnis und wurden zu dem Offizier geschickt, der das Vieh unter sich hatte. Das Vieh weidete am Fluß. Der betreffende Offizier stand dabei und freute sich über die schöne Herde. Mit dem Hut in der Hand ging ich zu ihm; mein Vetter, der die englische Sprache gut sprach, brachte mein Anliegen vor. Da drehte sich der Offizier um und sagte: "Wir haben keine Kühe." Dann ging er zwanzig Schritte weiter zur Seite. Wie begossene Pudel standen wir da. Nach einem weilchen sagte ich zu meinem Vetter: " Ich gehe noch einmal bitten, und ging wieder zu dem Offizier und sagte: " Herr, in dieser Herde Vieh, die ihr uns genommen, sind zwanzig Kühe, die in Milch sind. Bitte, erlaubt mir, eine davon mitzunehmen. Es ist nicht für mich, sondern für ein schwaches Kind, das nur von Milch lebt." Da sagte er: "Die Kühe haben keine Milch," drehte sich um und ging davon. — Nie im Leben habe ich solche Bitterkeit gefühlt als an diesem Morgen.

Dann wurden mir mit allen unseren Sachen, auch die Missionare Schepmann und Meyer und ein junger Mann, C. Lüneburg, auf einen Mauleselwagen geladen, und fort ging es nach Irene.

In Pretoria wurde haltgemacht, und da mußten wir uns alle auf der Straße in Reih und Glied aufstellen und uns zum Gaudium der Leute eine Stunde anstarren und verspotten lassen.

Im Lager von Irene angekommen, erhielten mir zwei Zelte zum Bewohnen angewiesen. Wir erhielten Rationen, die aber zum Teil nicht zu genießen waren. Das Fleisch von an Lungenseuche krankem Vieh wurde ausgeteilt. Die Missionare wandten sich an das Deutsche Konsulat in Pretoria und beklagten sich. Nach zehn Tagen kam der Befehl, die deutschen Missionare sollten nach Pretoria zurückgebracht werden, auch mein Name war auf der Liste. "Mitgefangen, mitgehangen!" Sagt das Sprichwort. Somit ging ich auch mit nach Pretoria. Als die Engländer herausfanden, daß ich kein Missionar sei, wollten sie uns nach Irene zurückschicken, doch ich erbot mich, selbst für mich und meine Familie zu sorgen und Miete für das Haus zu zahlen. Da durften wir bleiben, mußten uns aber jeden zweiten Tag melden. Wir waren sehr froh und dankbar, daß mir von Irene fort konnten. Mein Vetter mit Familie zog zu Freunden in Natal. Schepmann und Meyer durften zurück auf ihre Stationen. Nur ich mußte mit Familie in Pretoria bleiben, wo wir dann bis zum Friedensschluß im Mai 1902 interniert waren.


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