Rettung aus Lebensgefahr

Es war Ende April 1893. Um Waren für mein Geschäft einzukaufen, fuhr ich mit drei Ochsenwagen nach Pretoria. Alle Wagen waren mit Produkten für den Pretoria Markt beladen. Ein Schwarzer fuhr mit eigenem Wagen auch mit. Dieser hatte eine Ladung Mehl für den Markt. Ich selbst fuhr mit Karre und zwei Pferden hin nach Pretoria. Nachdem alle Produkte verkauft waren, belud ich zwei Wagen mit Ladengütern und schickte die vier Wagen zurück. Dann blieb ich noch eine Nacht auf Pretoria und fuhr am nächsten Morgen den Wagen nach. In der Nacht regnete es sehr stark. Der Regen hielt auch den ganzen nächsten Tag und die folgende Nacht an. Der Weg war voll Wasser, so daß die Pferde immer knietief im Wasser liefen. Wir mußten auf dem Heimwege zwei Flüsse passieren, Krokodilrivier und Magaliesrivier. Über ersteren führte eine Wagenbrücke, durch letzteren nur eine Driftdurchfahrt. Als ich zum ersten Fluß kam, lief das Wasser noch etwa zwei Fuß unterhalb der Brücke durch, und so konnte ich noch über die Brücke fahren. Etwa 200 Schritte weiter links am Wege an der Seite eines kleinen Koppies standen meine vier Wagen dicht nebeneinander ausgespannt. Der nächste Fluß war zu voll, um noch hindurchfahren zu können. Mir blieb nichts übrig, als auch bei den Wagen auszuspannen. Der Weg lief zwischen zwei Koppies durch, dem kleineren links und einem größeren rechts. Rechts war ein Laden. Der Eigentümer, Mr. Child, war ein Engländer. Beim Wagen hatte ich ein Bockseil. Dieses spannte ich über zwei Wagen und stellte meine Karre und Pferde drunter, schickte einen Jungen zum Laden und ließ mir zwei Lichte kaufen. An Kaffeekochen war nicht zu denken, denn es regnete noch immer in Strömen. Unterhalb meiner Wagen standen drei Burenwagen leer, die Hafer nach Pretoria gebracht hatten. Oberhalb standen vier leere Wagen, die auch von Pretoria kamen, sowie auch die Postkarre.

Mein einer Wagen, es waren alles Zeltwagen, war leer, auch der Wagen des Schwarzen. Im ersteren richtete ich mich für die Nacht ein und die Treiber und Vorläufer in dem Wagen des Schwarzen. Im Wagen hing ich mein nasses Zeug auf und legte mich auf die "Buikplanke", hatte ein Licht neben mir stehen, holte ein Geschichtenbuch aus der Handtasche und fing an zu lesen. Der Regen prasselte auf das Zelt des Wagens, und die beiden Flüsse rechts und links machten ein so schreckliches Getöse, daß ich nicht an Schlaf dachte. Etwa um 9 Uhr hörte ich, daß die Brücke mit großem Krach zusammenbrach. Ich habe gelesen, bis das Licht zu Ende gebrannt war. Das zweite wollte ich nicht mehr anzünden und bin dann auf meiner Buikplanke eingeschlafen. Auf einmal hörte ich jemand hinter dem Wagen rufen: "As julle nie wil versuip nie, moet julle gou wees" (Wenn ihr nicht ertrinken wollt, müßt ihr schnell sein). Aufspringen und die Wagenzeltklappe aufreißen war eins. Da standen alle vier Spann Ochsen, die abends an den Jochen festgebunden waren, bis an den Bauch im Wasser. Ich rief Klaas, Petrus und wie die Jungens alle hießen: "Schnell, macht die Ochsen los." Die waren schnell dabei, und bald gingen das Vieh und die Jungens aufs Trockene auf den Koppie. Auch ich sprang vom Wagen ins Wasser, welches mir schon bis an den Bauch ging, und wollte die Pferde losmachen. Das eine Pferd hatte sich schon losgerissen, und das zweite folgte ihm, nachdem ich es gelöst hatte, auch auf den Koppie. Ich stieg schnell auf den Wagen, raffte meine Sachen zusammen, lehrte alles in den Handkoffer, die Uhr in die Tasche, nahm den Koffer auf die Schulter, die Schuhe in die Hand, sprang vom Wagen ins Wasser, welches schon über die Hüften ging, und flüchtete auf den Koppie. Es war tiefdunkle Nacht, es hatte jedoch aufs gehört zu regnen. Die Leute, Ochsen und Maultiere von den anderen Wagen waren auch schon auf dem Koppie. Meinen Koffer brachte ich hoch hinauf, stand dann am Rande des Wassers, sah nach der Uhr und ging zehn Schritte höher die Koppie hinauf. Das Wasser stieg schnell, und in acht Minuten war das Wasser bei meinen Füßen. Ich ging wieder zehn Schritte höher, und wieder stieg das Wasser in acht Minuten die zehn Schritte. Dann ging ich hinter einen kleinen Busch, kniete nieder und flehte zum lieben Gott, daß er uns doch nicht möchte ertrinken lassen. Der trockene Raum wurde immer kleiner, und Menschen und Tiere drängten sich immer mehr auf der höchsten Stelle zusammen. Wir hörten den Laden an der anderen Seite einstürzen und sahen Menschen mit Licht auf den gegenüberliegenden Hügel flüchten. Um fünf Uhr, als der erste Lichtstreifen im Osten sichtbar wurde, ging ich wieder zehn Schritte höher, doch da kam das Wasser nicht mehr nach. Es hatte den Höhepunkt erreicht und blieb etwa eine Stunde so hoch. Alles stand dichtgedrängt oben auf dem Koppie. Als es hell wurde, sah ich übers Wasser hin nach meinen vier Wagen, und alle vier standen noch, meine Karre trieb auf dem Wasser hin und her, wurde aber nicht fortgespült. Ich konnte nicht verstehen, weshalb die Karre nicht abtrieb. Als ich an die Wagen kam, fand ich, daß die Karre mit einem Stück Tau an einem Wagen festgebunden war. Wann das geschehen ist, ist mir nie klar geworden. Ich muß es unbedacht in der Aufregung getan haben.

Als es hell war, konnten wir die Fluten übersehen. Der Krokodilfluß war so voll, daß er über das Ufer ging und in den Einschnitt zwischen den beiden Koppies durch nach dem Magaliesrivier über meine Wagen hinweglief. Die Zelte der Wagen sahen nur zwei Fuß aus dem Wasser. Die Flüsse rasten vorbei wie hohe Meereswellen. Auf dem Wasser trieben Dächer von Häusern, Ziegen, Schafe, Schweine, Federvieh und alle möglichen Möbel und Hausgerät. Wir hörten schreien und sahen einen Wagen vorbeitreiben. An dem Hinterzelt standen ein Mann, eine Frau und drei Kinder, riefen um Hilfe, aber da war keine Möglichkeit, auch nur nahe heranzukommen, die Armen gingen mit dem Fluß ab in ihr sicheres Grab.

Die drei Wagen, die unterhalb von meinem Wagen standen, sind alle drei auf Nimmerwiedersehen mit dem Wasser abgetrieben. Der Laden war vom Erdboden weggewaschen mit allem, was drum und dran war. Nur das Fundament lag noch, soweit es in der Erde war. Meine Waren im Wagen waren alle unter Wasser gewesen. Fünfzehn Sack Zucker liefen in Strömen durch die Buikplanke. Die Jungens legten sich unter den Wagen und schluckten Zucker. All Kisten voll Zeugwaren waren total naß und verdorben. Ich habe etwa 150 Pfund Schaden gehabt. Wir fuhren dann die Wagen auf eine Höhe und brachten alles zum Trocknen an die Sonne.

In der Nacht sind über 30 Leute, meistens Schwarze, im Wasser ertrunken in Häusern, die nahe am Fluß standen. Eben unterhalb von uns, wo jetzt der Hartebeestpoortdam ist, fließen die zwei Flüsse ineinander. Die Wassermassen waren schrecklich, wo beide Flüsse zusammenflossen. Wie stark die Strömung war, beweist, daß das Segel von meinem Wagen aufgerissen war und im Wagen auf einer Kiste ein totes Schwein lag. Es war in den Zeltwagen gespült. Der arme Ladenbesitzer Child hat auch nichts als das nackte Leben gerettet. Wir waren dem lieben Gott dankbar, daß er das Schlimmste von uns abgewandt, auch dem Mann Lockmann, der uns noch zur rechten Zeit gewarnt hatte. Dieser hat, da er viel niedriger wohnte, auch alles, Haus und Hab und Gut, verloren. Wir mußten dann noch drei Tage dort warten, bis der Magaliesrivier soweit abgelaufen war, daß wir hinüber konnten. Die Wagen mußten dann noch hindurchgeschwommen werden, da das Wasser noch zu tief war.

Als alle Wagen hindurch waren, war ich unbedachter Weise zurückgeblieben. Leider habe ich nie Schwimmen gelernt. Ein Bur, du Plessis, erbot sich, mir zu helfen. Er band mir einen langen Ochsenriemen unter die Arme, das andere Ende sich um den Leib, wollte durchschwimmen und mich dann mitziehen. Er verwickelte seine Füße in den Riemen, und wir trieben beide den Fluß hinab, ich mehr unter als über dem Wasser. Ein paar am Ufer stehende Buren sahen die Not und sprangen zu, kriegten Plessis zu fassen und zogen uns beide hinauf. Ich hatte tüchtig Wasser geschluckt, kam aber doch mit dem Leben davon. Beinahe wäre das Letzte ärger als das Erste geworden.



Meine Verlobung und Hochzeit