Meine ersten drei Jahre in Transvaal

Am 15. Dezember kamen wir auf der Missionsstation Bethanie, dem Ort unserer Bestimmung, an. Mein Onkel W. Behrens war Vorsteher des hiesigen Kreises der Hermannsburger Missionare. Er hatte 1864 die Station Bethanie angelegt, die erste hier im Distrikt. Die Freude war groß, als ich bei Onkel und Tante ankam und besonders bei meinen Kusinen, die noch nie einen lebenden Vetter gesehen hatten. Die Tage, die ich auf Bethanie bleiben durfte, waren schön, und ich fand das Leben in Afrika recht angenehm. In der zweiten Woche waren zwei Hochzeiten von jungen Missionaren, deren Bräute mit mir zusammen von Deutschland gekommen waren, Missionar Grotther und Peters. Auf der Hochzeit lernte ich gleich mehrere von den Missionaren und ihre Familien kennen, sah auch zum ersten mal meine zukünftige liebe Frau als dreizehnjähriges Mädchen. Sie war Brautjungfer auf der Hochzeit von Peters, und ich war Bräutigamsführer. Diese Zusammenführung hat dann, Gott sei Dank, für das ganze Leben gehalten.

Am 4. Januar 1881 schickte Missionar Fuls mit zwei Schwarzen einen Ochsenwagen, um mich von Bethanie abzuholen. Als wir eines Morgens von Berseba abfuhren, pfiff mir eine Gewehrkugel am Kopf vorbei. Beinahe wäre ich vor Schreck vom Wagen gefallen. Zwei Reiter kamen angeschranzt und geboten Halt. Sie nahmen mich ins Verhör, und ich mußte Auskunft geben, woher und wohin. Dann ließen sie mich meines Weges ziehen. Später hörte ich, daß es eine Patrouille Buren gewesen war, zwei Söhne eines Deutschen Fritz Pistorius, die sich einen Jux erlaubt hatten und mich bange machen wollten. Auf Leporo — so hieß Missionar Fuls' Missionsstation— angekommen, wurde ich noch am gleichen Abend mit allen meinen Pflichten und Arbeiten bekannt gemacht; auch daß ich "Herr" und "Sie" zu ihm sagen müsse und er "August" und "Sie" zu mir sagen werde, daß ich sonst aber als Kind im Hause gehalten werden sollte. Im Hause waren vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne. Die Tochter, dreizehn Jahre alt, und zwei Söhne waren auf der Schule zu Morgensonne; nur August, der Jüngste, sieben Jahre alt, war zu Hause. Herr Fuls hatte für damalige Verhältnisse einen ziemlich großen Farmbetrieb. Natürlich war mir alles neu, und ich mußte erst alles lernen; ich setzte meine ganze Kraft daran, aber machte doch manches verkehrt, was mir viel Unzufriedenheit von seiten des Herrn Fuls einbrachte. Herr Fuls war gebürtiger Mecklenburger und gelernter Schlosser. Er betrieb in seiner freien Zeit Schmiederei in einer vollständig eingerichteten Werkstatt. Bei der Schmiederei mußte ich oft helfen und habe da manches gelernt. Auf Leporo wohnten keine Schwarzen, aber es war immer ein Teil Schwarze da, die bei ihm in den Taufunterricht, des Morgens und des Abends gehalten, gingen. Diese kamen von auswärtigen Kralen, erhielten Wohnung und Essen und auch etwas Lohn, mußten dafür am Tage in der Farmerei bei allen Arbeiten helfen. Des Sonntags ritt Herr Fuls nach den verschiedenen Filialen, um Gottesdienst zu halten.

Da waren etwa 60 Kopf Vieh, Ochsen und Kühe, und auch viele Pferde zum Reiten, sowie Schweine, Hühner und soweiter, was zu einer Farm gehört. In einem Nebengebäude hatte ich ein geräumiges Wohnzimmer für mich. Morgens früh hieß es heraus an die Arbeit, und dann ging es durch bis abends, solange es hell war. Herr Fuls arbeitete nur in besonderen Fällen selbst mit, jedoch war er meistens allezeit dabei, um anzuordnen und anzutreiben. Er war sehr streng, und oft ging ihm die Arbeit nicht schnell genug vonstatten. Am Anfang meiner Tätigkeit sagte er mir, eines müßte ich mir merken: Widerrede gäbe es nicht; wenn er etwas sage, müsse ich stille bleiben, denn es könne nur einer reden, und das sei er. Dies habe ich mir gemerkt und nie widersprochen, auch dann nicht, wenn es so verkehrt war, daß ich wußte, er würde es doch selbst widerrufen. Es kostete oft große Überwindung, aber ich habe es durchgesetzt. Ich habe schwer gearbeitet, oft mehr als meine Kräfte zuließen. Frau Fuls war eine liebe, einfache Frau, allezeit bereit, mir Gutes zu tun, doch war ihr Einfluß auf ihren Mann gering. Ein guter Tisch wurde gef ührt, das Essen war reichlich und gut. Mein Kontrakt war in Deutschland festgelegt. Herr Fuls bezahlte meine sämtlichen Überfahrtskosten, lieferte mir meine alltägliche Arbeitskleidung und zahlte mir 15 Pfund im Jahr. Von der Einnahme aus dem verkauften Tabak sollte ich die Hälfte bekommen. Als ich im Januar hinkam, war für das erste Jahr die Tabakpflanzzeit vorbei. Es war ein wenig Tabak gepflanzt, von dessen Erlös ich doch etwa 2.10 Pfund abkriegte. Im zweiten Jahr legte ich mich dann aufs Tabakpflanzen und hatte eine große, schöne Ernte und habe oft bis in den Mondenschein gearbeitet, um tüchtig zu verdienen. Ich baute auch selbst ein großes Tabakhaus, achtzig Fuß lang, und hatte es ganz voll vom schönsten Tabak aufeinandergehangen. O, wie freute ich mich über meine Arbeit! Als der Tabak noch im Hause hing, schon trocken, noch nicht gepflückt, wollte Herr Fuls eine Vlei in Brand stecken. Ich befürchtete das Schlimmste und bat ihn, als er mich um Streichhölzer fragte, dies nicht zu tun, weil das Tabakhaus ganz nahe an der Vlei stand und die Gefahr bestand, daß das Feuer dahin laufen könne. Seine Antwort war: "Was wissen sie, geben sie die Streichhölzer her." Gehorsam wie immer gab ich die Streichhhölzer hin, und die Vlei brannte. Nicht lange, da kam ein Windstoß und warf das Feuer aufs Tabakhaus, und in einer halben Stunde war Haus und all mein Tabak ein Aschhenhaufen. Da habe ich bittere Tränen geweint, denn meine ganze Arbeit war in einer halben Stunde vernichtet. Herr Fuls kam angelaufen, stellte sich hin und sagte:

"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt."

Ich trat vor ihn hin und sagte: "Herr Fuls, das haben Sie und nicht der Herr getan."

Die Enttäuschung und Bitterkeit, die ich fühlte, war unbeschreiblich.

Im dritten Jahr baute ich ein neues, eben so großes Tabakhaus und pflanzte wieder tüchtig. Der Tabak hatte aber in dem Jahr keine Art, und ich hatte nur eine geringe Ernte. Das meiste drehte ich in Rollen auf, die aber Leider fast alle verrotteten. Ich habe keine 10 Pfund aus der Ernte gemacht. Das war die letzte Tabakernte. Es war gut gemeint, die Hälfte der Tabakernte, hat aber sehr wenig gebracht in den drei Jahren.

Weil meine Mutter in Deutschland Witwe war und meine beiden Brüder zu versorgen hatte, was ihr schwer wurde, schickte ich ihr von den 15 Pfund Gehalt jedes Jahr durch die Missionskasse 10 Pfund als Unterstützung hin. Dies war mir eine große Freude, daß ich ihr ein wenig helfen konnte. Von den übrigen fünf Pfund und dem Erlös für den Tabak kaufte ich mir drei junge Kühe. Davon kalbten zwei, und somit hatte ich, als ich von Fuls fortging, fünf Kopf Vieh.

Durch Unterricht von Buren lernte ich, Felle zu gerben. Von dem Leder machte ich mir selbst Fellschuhe und lernte somit das Gerber und Schusterhandwerk. Alltagskleidung erhielt ich, somit brauchte ich für mich kein Geld auszugeben. Einen Hut habe ich mir einmal gekauft.

An Weizen wurden jährlich über hundert Sack geerntet. Damals gab es noch keine Maschinen, und das Korn mußte auf einem Flur mit Pferden und Eseln ausgedroschen werden. Die Tiere mußten darauf herumlaufen, bis alles feingetreten war. Dann wurde es ausgeweht. Was das für Mühe und Arbeit ist, kann nur jemand beurteilen, der es selbst gemacht hat. Doch habe ich es öfter fertiggebracht, mit fünf Jungens morgens um 4 Uhr die Flur vollzupacken und hatte abends zehn Sack voll reinen Korns nach Hause zu bringen, eine Riesenleistung! Alle Arbeiten, die im Hause und auf einer Farm vorkommen, mußte ich machen und habe somit drei Lehrjahre durchgemacht, die mir mein ganzes Leben von großem Nutzen gewesen sind. Aber schwer sind sie gewesen!

Als ich zu Fuls kam, war ich noch nicht 17 Jahre alt, dazu war ich nicht sehr groß und stark. Am Ende des dritten Jahres fing ich an zu kränkeln, war brustleidend, wohl ein Erbfehler vom Vater, der an Sdwindsucht gestorben war. Zu Anfang des vierten Jahres war ich so herunter, daß ich nicht weiterarbeiten konnte. Ich teilte meinem Onkel in Bethanie solches mit. Der kam dann im März 1884 und holte mich weg nach Bethanie. Dort bin ich dann das Jahr hindurch krank gewesen, konnte nicht arbeiten. Durch gute Pflege und auch durch Gebrauch von Mitteln wurde es dann etwas besser, bis ich im September 1884 die Reise nach Queenstown antrat.


Meine Reise von Hermannsburg in Natal nach Bethanie in Transvaal