Meine Reise von Hermannsburg in Natal nach Bethanie in Transvaal

Die Missionare und Missionarsbräute, die mit mir aus Deutschland gekommen waren und nach Transvaal mußten wurden durch die Missionsleitung per Ochsenwagen nach Transvaal geschickt. Auch ich schloß mich diesem Zug an und fuhr mit. Ein Sohn von Superintendent Karl Hohls, er hieß Hermann, 22 Jahre alt, war der verantwortliche Leiter des Zuges. Der Zug bestand aus zwei Zeltwagen, je mit 14 Ochsen bespannt, und einem Bockwagen, mit 16 Ochsen bespannt. Letztere wurden durch Hermann selbst getrieben, die anderen beiden durch schwarze Jungen.

Auf den dritten Wagen waren große Kisten und alles Gepäck geladen, zum großen Teil sehr schwere Kisten mit Büchern und Möbeln, auch ein großes Harmonium. In dem einen Zeltwagen logierten Missionar Heuer mit seiner jungen Frau, in dem zweiten Zeltwagen die Bräute von Missionar Grotherr und Missionar Peters. Der junge Missionar Rodewaldt, Hermann Hohls, der Leiter des Zuges, und ich logierten auf der Erde unter dem Bockwagen. Wir waren also sieben Personen. Die Reise dauerte unter normalen Umständen etwa vier Wochen. Für diese Zeit berechnet bekamen mir Proviant mit von der Missionsleitung. Dieser Proviant bestand aus getrocknetem Brot, Maismehl, Kaffee, Zucker, getrockneten Pfirsichen und getrocknetem Fleisch (Biltong). Am 20. Oktober fuhren mir von Hermannsburg ab. Bei gutem Wetter ging die Reise zuerst gut vonstatten. Das dauerte aber nur einige Tage, dann setzte die Regenzeit ein, der Weg wurde naß, und mir kamen nur langsam vorwärts. Der Bockwagen war schwer, mit 7000 Pfund beladen, und fiel oft weg in der nassen Erde. Auf der Reise haben wir den Wagen zweiundzwanzigmal abladen müssen, um ihn wieder flott zu kriegen. Oft lag er bis an die "Buikplanke" im Dreck.

Als wir bei Standerton am Vaalfluß ankamen, war der Fluß voll, kein Wagen konnte hindurch. Dabei regnete es jede Nacht. Wir gruben also Soden und machten uns davon eine Mauer, um das Wasser von unseren Wagen abzuhalten. Die in den Zeltwagen hatten es gut und trocken, aber mir drei Junggesellen unter dem Wagen hatten es recht feucht. Zwei Wochen haben mir da auf derselben Stelle liegen müssen, weil der Fluß immer voll blieb. Unser auf vier Wochen berechneter Proviant nahm ein Ende, und wir mußten den Bauchriemen sehr enge ziehen. Als der Hunger zu groß wurde, schwamm Hermann durch den Fluß. Er hatte das Glück, zwei Eimer Maismehl zu kaufen, und brachte uns dies, auf dem Kopf festgebunden, durch. Leider war in der ganzen Gegend kein Brennholz zu haben, um Essen gar machen zu können. Da habe ich mich darangemacht, die Leisten von den großen Bücher-, und anderen Kisten abzuschlagen, damit wir einmal am Tage etwas Warmes zu essen bekamen. Wir haben aber immer unseren guten Humor behalten und die Sache als zugehörig zu einer Reise ins Innere Afrikas angesehen. Hermann als geborener Afrikaner wußte uns immer wieder aufzuheitern und uns Hoffnung auf bessere Tage zu machen. Wir Grünen, die eben von Muttern kamen, wären gerne wieder umgekehrt, aber daß ging nicht. Wir mußten nur unsere Ansichten über Afrika umstellen und Mut haben, und es hat uns auch nicht geschadet. Nach zwei Wochen konnten mir endlich durch den Fluß. Hermann hatte zum Glück etwas Geld bei sich. So konnten mir in Standerton einiges an Eßwaren kaufen und dann voll Mut unsere Reise fortsetzen. Über vierzig mit Fracht beladene Wagen hatten sich vor dem Fluß angesammelt, die alle hindurch wollten. Der Tüchtigkeit unseres Führers Hermann hatten mir es zu danken, daß wir bei den Ersten waren, die durchkamen.
Die Reise ging dann gut weiter, nur daß wir fast in jeder Vlei, das heißt in jedem feuchten Wiesental, den Bockwagen abladen mußten, es regnete immer wieder. Am 15. Dezember kamen mir endlich alle gesund und hungrig auf Bethanie an. Es fehlte auch nicht an allerlei interessanten Erlebnissen auf der Reise. Eines guten Morgens hatten mir ausgespannt, die Ochsen weideten in der Nähe der Wagen, da hörten mir ein schreckliches Getöse und Brausen. Im nächsten Augenblick kam eine Herde Springböcke, viele Tausende, auf uns zugestürmt und verschwand jenseits der Höhe. Als wir nach unseren Ochsen ausschauten, waren sie ebenfalls verschwunden, die Herde Böcke hatte sie einfach mitgenommen. Erst nach Stunden kamen die Jungens mit den Ochsen an. Das Laufen war ihnen wohl etwas viel geworden, und sie waren zurückgeblieben.

Der junge Missionar Heuer und Frau kamen aus Amerika und brachten amerikanische Anschauungen und überspannte Ansichten mit. Wenn wir ausspannten, stieg er von seinem Wagen, nahm zwei dicke Bücher - wir nannten sie die Kirchenväter - unter den Arm und ging seitwärts ins Gras, um, wie er sagte, zu studieren. Die Frau stieg auch ab und ging ins Gras, aber an der entgegengesetzten Seite. Die beiden Bräute machten den Kaffee und bereiteten das Essen. Wunderbarerweise kamen die Herrschaften immer zur rechten Zeit zum Essen, ohne gerufen zu werden. An einem Sonnabend waren wir bis in den späten Abend hinein gefahren und spannten schließlich aus, ohne bei Wasser zu sein. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, daß auch in der Umgegend nirgends Wasser war. Hermann sagte: "Es ist zwar Sonntag, wo sonst nicht gefahren wird, aber wir sowie die Ochsen müssen heute Wasser haben. Deshalb spannen wir ein und fahren bis zum nächsten Wasser." Als Heuer merkte, es wird eingespannt, kam er vom Wagen herunter und fragte, was los wäre. Hermann erklärte ihm die Umstände. Er blieb aber dabei, es sei heute Sonntag, es werde auf keinen Fall gefahren, er sei durch Superintendent Hohls beauftragt zu sehen, daß alles ordentlich und christlich auf der Reise zugehe. Darauf Hermann:

"Ja, und ich bin von Superintendent Hohls beauftragt, dafür zu sorgen, daß die Ochsen ihr Recht kriegen, und die und auch wir müssen heute Wasser haben."

Als Heuer sah, daß doch gefahren wurde, rief er seine Frau vom Wagen. Sie stieg mit ein paar Kissen und Decken ab, und beide setzten sich ins Gras am Wege. Heuer sagte zu Hermann:

"Wenn du ein Sabbatschänder und ungehorsamer Sohn sein willst, ist es auf deine Verantwortung, ich fahre nicht mit, ich bleibe hier."

Hermann sagte: "Ganz wie Sie wünschen. Auf Wiedersehn!"

Damit fuhren wir ab. Nach einer kleinen Stunde kamen wir an Wasser,spannten aus, kochten uns Kaffee und aßen Frühstück. Nach etwa zwei Stunden kam das Ehepaar Heuer mit seinen Sachen unter dem Arm auch zu Fuß an. Aber die Strafpredigt, die er uns da gehalten, und die Titel, die er uns gegeben hat, konnten für Heiden nicht stärker sein. Er war richtig wild in seinem Zorn auf uns alle. Frühstück haben die beiden an dem Sonntagmorgen nicht gekriegt, es wäre ihnen sicher auf den Ärger auch nicht gut bekommen.

Ähnliche Auftritte hatten wir öfters auf der Reiste. Zum Glück rauchte niemand von unserer Gesellschaft. Eine brennende Pfeife konnte Herrn Heuer in Zorn versetzen. Als wir unterwegs beim alten Missionar Kohrs einen Besuch machten, gingen wir im Garten spazieren. Heuer fragte Kohrs, was das Grüne da auf dem Lande sei.

Kohrs sagte: "Das ist Tabak, Heuer!"

"Aber Bruder Kohrs, du willst doch nicht sagen, daß du selbst Tabak pflanzt?"

Kohrs: "Aber sicher, ich rauche ihn doch selbst."

Heuer: "Aber da solltest du lieber die Ochsen reinjagen."

Kohrs: ,"Aber de Beester wüllt dat man nich freten."

Absolute Stille nach dieser Antwort; ich verbiß wir das Lachen.

Am 12. Dezember 1880, an einem Sonnabendnachmittag, erreichten mir, von Natal kommend, Pretoria. Bald wurde neben unseren Wagen eine Kanone gezogen, und durch die englischen Tommys wurden drei Schuß über Pretoria weggeschossen. Hermann Hohls, der uns heraufgebracht hatte, fragte den Offizier, was das zu bedeuten hätte. Der sagte:

"Wir hören, die Boers (Buren) wollen uns bekriegen und ihr Land zurückgewinnen. Nun wollen wir ihnen zeigen, daß wir Kanonen haben, damit sie bange werden."

Dann brach der erste Freiheitskrieg aus, und innerhalb sechs Tagen war schon die erste Schlacht bei Bronkhorstspruit. Also kam ich gerade zur rechten Zeit ins Land. Ich habe leider nicht die Ehre gehabt, am Kriege weiter teilzunehmen. Die Buren haben das alleine besorgt und ihr Land zurückerobert.

Ja, es war eine interessante Reise, sie dauerte gut sieben Wochen.


Auf afrikanischem Boden