Auf afrikanischem Boden

Anfang Juli landete unser Dampfer in Durban. Wundram, Dietrich Schütze und ich machten einen Gang durch die Stadt. Wir entdeckten auch den botanischen Garten und traten ein, zumal ich als Gärtner ein besonderes Interesse daran hatte. Was für Blumen und Gewächse gab es hier! Eine bestimmte rote Blume zog meine Aufmerksamkeit auf sich. An manchem Baum konnte man wohl auf einer Tafel lesen, daß niemand die Gewächse berühren und nichts abpflücken dürfe. Aber die Anziehungskraft der roten Blume war doch größer als das Verbot. Ich konnte ihr nicht widerstehen, streckte meine Hand aus, pflückte eine ab und steckte sie in meine Tasche. Bald darauf mußte ich mal niesen. Ein Taschentuch hatte ich bei mir, recht vorsichtig zog ich es aus der Tasche, damit nicht die wunderbare Blume mit herausgerissen würde. Ich putzte meine Nase und steckte das Tuch wieder zu der schönen Blume. Den Wandernden würde es doch recht warm beim Gehen. Am Nachmittag fühlte ich ein leichtes Brennen in meinen Augen. Was mochte das zu bedeuten haben? Ich mit wischte mir die Augen mit meinem Taschentuch. Aber das machte das Brennen noch schlimmer.

Mein Vetter, Missionar Wilhelm Behrens, sah in die Augen und sagte: "Du hast die ägyptische Augenkrankheit." Aber wie konnte diese Krankheit so schnell solche Formen annehmen? Das Brennen wurde zu einem rasenden Schmerz. Wilhelm tröpfelte Augenwasser in die Augen. Das half aber auch nichts. Je mehr ich mit meinem Taschentuch in den Augen wischte, desto heftiger wurde das Brennen. Wilhelm kam schließlich auf den Gedanken, ob ich nicht etwas in meinem Taschentuch habe, was diesen brennenden Schmerz verursache. Dann holte ich die schöne rote Blume aus der Tasche. Eine Blume war das nicht. Es war vielmehr die Frucht einer Blume, aber so schön rot. Als Wilhelm das rote Etwas sah, rief er aus: "Das ist ja Paprika! Kein Wunder, daß deine Augen brennen. Das ist ein fürchterliches Zeug für die Augen." Nun wusch ich meine Augen recht gründlich mit Wasser aus. Das nahm den brennenden Schmerz allmählich fort, und am anderen Tage war ich von der "Ägyptischen Augenkrankheit" geheilt.

Von Durban ging die Fahrt auf der Bahn weiter bis Bothas Hill. Das war damals die Endstation der Eisenbahn. Hier trafen mehrere Ochsenwagen aus Neu-Hannover ein, um die Angekommenen abzuholen. Ich hielt mich auf allen diesen Fahrten zu den Missionsleuten, da mein Vetter mich mit herausbrachte. An einem Sonnabend kamen wir beim alten Reiche an. Hier blieben wir bis Montag im Quartier. Am anderen Tage, sonntags, gingen wir in Neu-Hannover in die Kirche und hörten eine Predigt von Pastor Struwe. Montag morgen bestiegen wir wieder den Ochsenwagen, und Dienstag abend kamen wir glücklich auf der Missionsstation Hermannsburg an, wo uns Superintendent Karl Hohls empfing.

Eine Stunde Fußweges weit wohnte Tante Bergmann. Ihr Mann hieß der "lange" Bergmann im Gegensatz zu dem "kurzen" Bergmann. Der "lange" Bergmann baute neben der Kirche in Hermannsburg ein Häuschen. Tante schickte ihm mit einem Kaffern nachmittags Kaffee und Kuchen zum Geburtstag. Als Onkel sich Sonnabend bei seiner Rückkehr nicht bei Tante für den Geburtstagskuchen bedankte, fragte sie ihn ob er den Kuchen nicht bekommen habe. Da fragte er ganz erstaunt: "Welchen Kuchen?" Da stellte es sich heraus, daß der Kaffer mit dem Kuchen durchgebrannt war.

Eines Abends war Onkel dabei, die Ochsen vom Wagen abzuspannen. Der letzte Ochse wollte sich nicht losmachen lassen. Jedesmal, wenn Onkel an ihn herantrat, wollte der Ochse stoßen. Tante kam auch noch dazu. Schließlich wurde Onkel böse und rief im aufflammenden Zorn: "Ik sla em dot, if sla em dot!" Dann rief Tante dazwischen: "Du schast em nich dotslan, du schast em nich dot slan!" Aber dann ergriff Onkel ein Jochholz und rief wieder: "Ik sla em doch dot! Nu sla ik em doch dot!" Zuletzt gelang es doch, den Ochsen loszumachen.

Vor Bergmanns Haus stand altes, trockenes Gras. Tante sagte eines Tages zu mir: "Wir wollen mal das alte Gras vor dem Hause abbrennen." Natürlich verstand ich noch nichts vom Grasbrennen. Ich steckte das Gras vor dem Hause an, es brannte ganz lustig. Es dauerte nicht lange, da brauste ein starker Wind über die Felder und trieb das Feuer schnell weiter. Dann kam auch Tante Bergmann dazu. Ja, nun war Holland in Not. Sie wußte, was es bedeutet, wenn das Feuer auf die Nachbarplätze läuft und dort großen Schaden anrichtet. So holte sie mehrere leere Säcke. Ich mußte sie mit Wasser tränken. Nun ging das Ausschlagen des Feuers los. Das Feuer lief immer weiter. Tante half auch beim Ausschlagen. Schließlich gelang es doch, des Feuers Herr zu werden. Aber ich war so erschöpft und ausgedorrt vom vielen Schwitzen, wie ich es sonst noch nicht erlebt hatte. Das Feuer hatte sich am Hauptwege totgelaufen, wenigstens die Spitze, sonst hätten alle Bemühungen nichts genützt.

Zwei Wochen war ich schon bei Onkel Bergmann, da kam eines Tages mein Onkel, der Missionar Heinrich Schütze, von Endumeni angeritten und lud mich zum Besuch ein. Sein Sohn Wilhelm fuhr damals Transport; der würde hier vorbeikommen und mich mitnehmen. Nach einigen Tagen kam Wilhelm Schütze. Ich bestieg den Ochsenwagen, und als wir nach mehreren Tagen nach Rosenen kamen, stieg ich ab und kehrte bei seinem Onkel, dem Missionar Schröder, ein. Hier blieb ich einen Tag. Dann wollte ich meinen Onkel, Missionar Schütze, besuchen.

Missionar Schröder hatte mir gesagt, ich müsse immer um den Berg herumgehen, wenn ich zu Schütze wolle. Mittags um ein Uhr machte ich mich auf die Wanderung. Heute hatte ich den ersten wirklich schweren Tag in Afrika. Stunde um Stunde wanderte ich in der heißen Sonne. Als ich ein Stück um den Berg herum war, bemerkte ich eine große Herde Rinder. Man hatte mir gesagt, es sei gefährlich, an die Zulurinder heranzugehen, da diese Biester leicht böse werden und dann stoßen. Also machte ich einen großen Bogen, damit die Rinder mich nicht sehen sollten. Als ich nun die Rinder glücklich hinter mir hatte, tauchten andere Bilder vor meinem Geist auf: Löwen, Tiger, Schlangen usw. Schon neigte sich die Sonne dem Horizont zu. Ich sah immer noch nichts von Schützes Hause. Da fing ich trotz Durst, Müdigkeit und durchgelaufenen Füßen an zu laufen. Ja, nun war die Sonne schon lange untergegangen, und es wurde schnell dunkel. Ein Stern nach dem anderen erschien am Himmel. Wie das wohl noch werden soll? Dann stand ich vor einem Fluß. Was nun? Ich zog mich aus und schritt mit meiner Kleidung auf dem Kopf hindurch. Hier war ich wenigstens glücklich durchgekommen. Ich kleidete mich an und setzte meine Wanderung fort. Da sah ich in der Ferne ein Licht und ging darauf zu. Plötzlich stand ich vor einem Kaffernkral. Der Kaffer kam heraus; aber ich konnte die Zulusprache noch nicht. Einige Brocken hatte ich schon aufgeschnappt und wußte, daß Missionar "Umfundisi" heißt. Als der Kaffer "Umfundisi Schütze" hörte, wußte er, daß dieser Fremdling zu Missionar Schütze wolle. Und nun zeigte er mit seinem Finger nach der Richtung, wo Missionar Schröder wohnte, also nach dort, von wo ich mittags um ein Uhr aufgebrochen war. Bei meiner Wanderung um den Berg war ich tatsächlich wieder in Schröders Nähe gekommen. Nun sagte ich mehrmals: "Umfundisi Schütze". Das verstand der Kaffer denn auch und zeigte nach der anderen Seite. Durch mancherlei Handbewegungen machte ich ihm klar, daß er mir einen von seinen Jungen als Wegführer mitgeben solle. Natürlich wollte er Geld haben. Als ich darauf ein Zweischillingstück aus der Tasche zog und es in seine Hand legte, strahlte sein Gesicht, und nun bekam ich einen jungen Kaffer als Führer mit. Endlich, endlich kam ich um zehn Uhr bei Onkel Schütze an. Na, der kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, daß ich so spät eintraf.

Nach einigen Tagen kam wieder eine Einladung von Onkel Schröder: ich sollte die Obstbäume aussägen. Eine und eine halbe Woche arbeitete ich in Onkel Schröders Obstgarten. Die Bäume hatten es wirklich nötig. Frau Schröder war nicht zu Hause; sie brachte ihre Kinder nach Hermannsburg zur Schule. Das gab auf Rosenen eine richtige Junggesellenwirtschaft. Onkel kochte natürlich selber. Montags gab es Reis und trockene Pfirsiche, dienstags Pfirsiche und Reis, mittwochs wieder Reis und Pfirsiche, donnerstags Pfirsiche mit Reis. So ging es alle Tage.

Eines Morgens hatte Onkel Schröder ein besonderes Anliegen. Die Räder seines Karrens waren nicht mehr ganz fest und sollten nachgebunden werden. Also sagte er zu mir: "Heute kannst du mal nach Dundee fahren und den Karren zum Schmied bringen. Ich werde einen Brief schreiben, den nimmst du mit. Einen Sattel mußt du auch mitnehmen, den Karren läßt du beim Schmied stehen. Das Sielengeschirr legst du dem einen Pferd auf den Rücken. Das andere zahme sattelst du auf und reitest damit zurück." Ich wollte zurück auch wieder bis ganz nach Hause auf dem Hauptwege reiten. Aber seine beiden Pferde hatten andere Ansichten. Irgendwo bog vom Hauptwege ein Fußweg ab, ein Richtweg, den die Pferde schon oft gemacht hatten. Sie kannten diesen Weg, aber ich kannte ihn nicht. Als die Pferde an diese Stelle kamen, wollten sie ohne weiteres abbiegen. Das wollte ich aber nicht. Jetzt wurde ich energisch und riß am Zügel. Diese Sprache mußten sie doch wohl verstehen. Sie wollten sie aber nicht verstehen. Als der Reiter noch immer strammer am Zügel zog, riß dem Pferd die Geduld. Es stellte sich auf die Hinterbeine und ließ mich keineswegs sanft in das Gras rutschen. Dann nahmen beide Pferde Reißaus auf dem Fußsteig. Mir blieb nichts anderes übrig als zu Fuß hinterher zu laufen.

Als ich nach einigen Tagen von Onkel Schröder Abschied nahm, gab dieser mir zehn Schillinge für das Aussägen der Obstbäume. Das war das erste Geld, das ich in Afrika verdient habe.

Nun ging es aber zu Missionar Schütze. Der gute Mann wohnte in einem Sodenhaus. Als ich das erste Mal abends um 10 Uhr dort im Dunkeln ankam, sah ich die rauhen Wände für einen Neubau an. Als ich beim Betreten des Hauses zu Onkel sagte. "Na, du hast dir ja ein neues Haus gebaut", wußte er nicht recht, was er dazu sagen sollte. Als ich am nächsten Morgen aufstand, konnte ich mich selber überzeugen, daß das Haus wirklich ein alter Sodenkasten war. Aber in der Nähe war ein schönes, aus Steinen gemauertes, Haus im Bau. Dies sollte ein Stall für Onkels Ziegenherde werden. Das konnte ich nicht verstehen, daß die Ziegenherde besser wohnen sollte als die Menschen. Bei Onkel Schütze war ich sehr gerne, habe da auch gegärtnert. Doch waren die Obstbäume sehr vernachlässigt, und es war nicht viel daran zu doktern. Die älteste Tochter, meine Kusine, war verlobt und daher ziemlich ungenießbar für einen Jungen der Heimweh hatte. Die zweite Tochter war sehr unterhaltend und tat ihr Bestes, mich für Afrika zu interessieren. Die weiteren Kinder waren auf der Schule. Mein Vetter Wilhelm kam bald mit leerem Wagen von Newcastle zurück und fuhr wieder nach Maritzburg, um Transport zu holen. Der nahm mich dann wieder mit nach Hermannsburg.

Als ich dort ankam, hieß es: vor Ende Oktober könnt ihr die Reise zum Transvaal nicht antreten. Da lieh ich mir ein Pferd und ritt 15 Meilen weit nach Emtombeni, wo mein Onkel Fröhling Missionar war. Auf der Reise machte ich mein erstes Reiterkunststück. Das Pferd trat mit beiden Vorderfüßen in ein tiefes Loch, das man im Grase nicht sehen konnte, und da kam ich in schönem Bogen über des Pferdes Kopf weg auf der Erde zu sitzen, war aber heil geblieben. Die Station von Onkel Fröhling war noch nicht lange angelegt. Zu tun war da nicht viel, und es war da etwas langweilig. Die Kinder waren alle auf der Schule in Hermannsburg. Die Station lag auf einem Hügel. Von da hatte man einen prachtvollen Blick über das tiefer liegende Zululand, auch konnte man bei hellem Wetter die See in der Ferne sehen. Auf Emtombeni blieb ich nur zwei Wochen, ging dann nach Hermannsburg zurück und feierte die Hochzeit von Röhrs - die Braut kam mit mir raus - mit. Die Hochzeit war sehr interessant, so ganz anders als in Deutschland. Zu Ehren des jungen Paares schneite es in der Hochzeitsnacht. Ich dachte, daß das in Afrika so Sitte sei, doch habe ich es nie wieder erlebt. Ich war natürlich sehr verwundert, in Afrika Schnee zu sehen, habe seitdem auch nur zweimal hier in Afrika wieder Schnee gesehen in den 59 Jahren. In Hermannsburg blieb ich dann, bis wir Ende Oktober auf die Reise zum Transvaal gingen.

Ich wohnte dort mit dem Sohn Karl des Superintendenten Hohls in einem kleinen Zimmer. Karl war Schafhirte und auch zugleich Postmeister. Er war ein vergnügtes Haus, voller Streiche, und die Zeit wurde mir da nicht lang. In der Schule waren eine Menge Kinder, auch junge Leute waren da, so daß es da ganz schön zu bleiben war. Nur die Frau Superintendent war nicht lieb; ich habe alle Tage Schelte gekriegt, weil ich faul sei und nicht arbeitete. Als Neuling wußte ich leider nicht Bescheid, was ich tun konnte, ging aber gerne mit den Mädels zum Erbsenpflücken. Ich glaube, dies ärgerte die Tante. Der Herr Superintendent war sehr strenge und kurz angebunden.


Mein Aufbruch nach Afrika