Aus meinen Kinderjahren

Geboren bin ich am 8. März 1864 in Hermannsburg, wo damals durch L. Harms, der mich getauft hat, die große Glaubensbewegung entstanden war. Das Haus meiner Eltern stand neben dem Missionshof in der Straße, wo heute noch das Alte Missionshaus steht. Mit sechs Jahren kam ich in die Schule von Hermannsburg. Mein erster Lehrer hieß Hapke. Er war schon ein älterer Mann. Gewöhnlich trug er einen recht langen Rock. Im übrigen war er ein Original, aber er verstand es, seinen Schülern etwas handgreiflich klar zu machen. Als er die Geschichte von der Arche Noah erzählte, mußten sie alle hinausgehen und am Zaun 300 Ellen (die Länge der Arche) abmessen, damit sie sich eine Vorstellung von der Arche machen könnten. Und als die Geschichte von den Baalspfaffen an die Reihe kam, mussten sechs Jungen (ich war einer dieser sechs im Gänsemarsch um die im Zimmer stehende Tafel herum marschieren und mehrere Minuten lang rufen: Baal, Baal, erhöre uns! Baal, erhöre uns!) Wir Kinder haben diese Geschichte nie vergessen.

Meine Eltern hatten vier Hühner. Eins davon hieß Simery. Als ich, acht Jahre alt, eines Tages von der Schule kam, war meine Mutter gerade auf der Diele beim Waschen. Hier stand eine Leiter, die auf den Boden führte. Dort oben war das Heu für die Ziegen aufbewahrt. Hier legten auch wohl mal die Hühner ihre Eier. Als ich zur Dielentür eintrat, kakelte eine Henne auf dem Heuboden. Meine Mutter sagte dann: "August, steig doch mal auf den Boden, Simery wird wohl gelegt haben. Dann hole das Ei herunter." Eins, zwei, drei, war ich die Leiter hinauf. Ich war noch nicht lange oben, da bellte der Hund, und es erschien auf der Diele ein Hausierer, der Rattenfallen, Hemdenknöpfe, Bleistifte, Hosenträger und ähnliche Sachen verkaufte. In einigen Wochen sollte in Hermannsburg das große Missionsfest gefeiert werden, und ich hatte schon einige Groschen für ein Paar neue Hosenträger gespart. Jedenfalls musste ich für das Missionsfest neue Hosenträger haben. Wenn der Hausierer nur nicht gleich wieder fortgeht! An Simery und das Ei dachte ich nun nicht mehr. Mein einziger Gedanke waren die neuen Hosenträger. Nun aber schnell die Leiter herunter! Ehe ich mich versah, lag ich unten. Meine Mutter kam gelaufen und hob mich auf, dabei bemerkte sie daß die eine Hand herunter hing, und sagte: "Jung, de Hand is afbraken." Und gelassen fügte ich hinzu "De anner is ok af." Als die Mutter fragte, wie das wohl gekommen sei, daß ich von da oben heruntergefallen bin, kam die Antwort: "Ik bün hüt morgen so spät upstahn, ik müsst lopen, dat ik na de Schol kam, un dorbi hew ik nich bät."

Nun wurde schnell der Arzt gerufen. Dr. Fricke war schon über 80 Jahre alt. Er kam ganz erschöpft bei uns an und mußte eine Viertelstunde Atem schöpfen, ehe er sich an die Arbeit machen konnte. Dann legte er beide Arme in Schienen. Mein Vater war nicht zu Hause, er arbeitete in Hetendorf. Im Alten Missionshause wohnte ein junger Pastor Gabriel; der kam und sah nach dem verunglückten Jungen. Er mochte wohl seine Bedenken über den Schienenverband geäußert haben. Nachmittags kam auch mein Vater, und als er seinen August besehen hatte, beschloß er, am anderen Morgen früh zum Arzt nach Celle zu fahren. In Celle war Dr. Brandmüller. Der war auch schon alt. Er löste zuerst die Schienen von einem Arm und sah sofort, daß die Hand schief angewachsen war. Es blieb nichts anderes übrig, die Hand mußte wieder abgerissen werden. Als die erste Hand geschient war - es war um die Zeit, als die Kirschen reif waren, sagte der Doktor zum Vater: Gehen Sie jetzt hin und kaufen Sie erst eine Tüte Kirschen für den kleinen August." Als der Vater mit den Kirschen da war, ging Dr. Brandmüller an den anderen Arm, der war auch schief angewachsen. Während der Arzt den Arm abriß, fütterte der Vater mich mit roten Kirschen. So wird der Schmerz wohl etwas erträglicher gewesen sein. Nun waren beide Arme geschient, und 14 Tage mußte ich mich füttern lasen. Ich konnte meine Hände nicht gebrauchen. Und ein ganzes Jahr durfte ich in der Schule nicht schreiben, so waren die Hände geschwächt! Das war im Jahre 1872.

Im Juni 1873 starb mein Vater an der Schwindsucht. Eines Tages pflückte meine Mutter junge Erbsen im Garten. Ich stand mit meinen geschienten Armen in der Nähe. Da war ein Gewitter im Anzuge. In der Nähe des Hauses stand eine große Birke. Mit einem Male fuhr ein Blitz in die Birke und zersplitterte sie vollständig. Ich bekam einen solchen Schrecken, daß ich auf die Erde fiel. Noch lange Jahre nach diesem Ereignis hatte ich eine heillose Angst vor dem Gewitter.
Im Winter 1874 sagte meine Mutter eines Morgens: "Kinder, dies ist unser letztes Brot. Geld, etwas zu kaufen, habe ich nicht. Gott allein kann uns helfen." Darauf knieten wir nieder, und Mutter flehte zu Gott um Hilfe. Abends in der Dämmerung saßen wir in der Stube, da klopfte es; herein kam der Briefträger und brachte einen Geldbrief. Mutter machte ihn auf und fand sechs Mark darin. Eine Schulkameraden von Mutter aus Lauenburg, von der sie nie wieder gehört hatte, schrieb, sie hätte in den letzten Tagen immer an Mutter denken müssen und schicke ihr die sechs Mark, vielleicht sei sie in Not. Mutter und wir Kinder knieten nieder, dem lieben Gott für seine rechtzeitige Hilfe zu danken. Es war ein Wunder vor unseren Augen. Dann lief ich zum Bäcker, um Brot zu kaufen. Diese Gebetserhörung habe ich nie vergessen. Gott hatte schon vorgesorgt, ehe wir gebeten.

Im neunten Lebensjahre kam ich in die zweite Klasse der Schule. Nun hatte ich den Lehrer Lange. Dieser Lehrer gründete in Hermannsburg die Sparkasse, und als er aus dem Schuldienst entlassen wurde, widmete er sich ganz der Sparkasse. - Vom zwölften bis vierzehnten Jahre war ich in der dritten Klasse. Hier erteilte Lehrer Günther den Unterricht. Dies war ein guter, tüchtiger Lehrer.

Durch die Wiese ging ein Wassergraben, der vielleicht zwei Fuß Wasser hatte. Die Kinder schossen beim Spielen wohl mal über den Graben. Sie streckten dann den Kopf weit nach vorne, so daß sie beim Hinüberschießen mit dem Kopf auf der anderen Seite ankamen. Ich aber hatte es mal vergessen, meinen Kopf nach vorne zu strecken. Als ich nun mein Kunststück machte, landete ich mitten im Graben mit dem Kopf nach unten, und weil auf dem Boden des Grabens recht viel Schlamm war, mußte ich meinen Kopf erst aus dem Schlamm losmachen. Es hat wohl nicht viel daran gefehlt, so wäre ich erstickt.

Eines Tages - es war Jahrmarkt in Hermannsburg, dann hatten wir keine Schule, weil die Kinder doch alle zum Markt gingen - sagte Mutter zu meinem Bruder Fritz und zu mir: "So, heute ist keine Schule, nun nehmt ihr die Schiebkarre und fahrt in den Sunder (ein Wald) und holt eine Karre voll Holz." (Es war armen Leuten erlaubt, in dem Regierungswalde trockene Zweige aufzulesen. Wir hatten natürlich keine Lust, sondern wollten zum Markt. Mein Bruder wollte durchaus nicht; als ich aber die Karre nahm und losschob, kam er doch nach. Wir hatten eine gute Karre voll gesammelt, und schwer beladen fuhren wir nach Hause. Mutter kam uns entgegen, da wir etwas lange ausblieben. Beim Neuen Missionshause begegnete uns Vater Theodor Harms; der sagte zu Mutter: "Na, Behrens Mutter, sin öhre Jungs denn nich na den Markt?" Mutter sagte: "Nee, datau hewt wi keer Geld." Da sagte Vater Harms: "Na; wenn de Jungs aber sone grote Korr vull Holt halt hewt, denn möt Se jüm doch enen Gröschen geben, dat se na den Markt gahn körnt." So geschah es denn auch. Wir waren dem Vater Harms sehr dankbar für den guten Rat, den er Mutter gab, und haben uns dann noch auf dem Markt vergnügt, hatte doch jeder einen Groschen.

An einem Tage saß auf unserem Hausdach ein Schwarm Spatzen. Da nahm ich einen Stein und warf dazwischen und traf einen Vogel, daß er tot vom Dach fiel. Da ich das Tierchen tot in der Hand hielt, überkam mich das Schuldgefühl, und mein Gewissen sagte: "Du hast gemordet." Ich habe dann das Vöglein begraben, mußte aber jeden Tag hingehen und nachsehen, ob das Tierchen wieder lebendig geworden sei. Der Mord lag mir furchtbar schwer auf dem Gewissen. Ebenso ging es mir, als ich einmal unversehens und ungewollt eine Schulkameradin mit einem Stein an den Kopf geworfen und sie verwundet hatte, ohne daß sie wußte, wer den Stein geworfen hatte. Wie furchtbar Leid hat mir dies getan, ich konnte das Mädchen nicht ansehen. Wenn das Gewissen doch durchs ganze Leben so feinfühlig bliebe, wie es in der Kindheit ist!
Vom zwölften bis dreizehnten Jahre ging ich zum Zuhören, wie es genannt wurde, und vom dreizehnten bis vierzehnten Jahre zum eigentlichen Konfirmandenunterricht bei Pastor Theodor Harms. Harms war wohl strenge, aber wir lernten auch viel bei ihm. An einem Werktage wurde ich in Ebstorf von Superintendent Danfmertz konfirmiert. Hier bekam ich den Spruch mit auf den Lebensweg: Jesaias 40, 31: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. - Am Sonntage Quasimodogeniti 1878 war die Konfirmation in Hermannsburg. Ich saß auch mit den anderen Kindern vor dem Altar. Pastor Th. Harms gab mir auch noch einen Spruch mit fürs Leben: Psalm 27, 10: Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf. — Die Separierten hatten zu dieser Zeit noch keine Kirche. Brammers Scheune diente ihnen als Notkirche.

Nach der Konfirmation — Ostern 1878 — kam ich nach Uelzen in die Gärtnerlehre zu dem Kunstgärtner Behne. Ich sollte drei Jahre lernen. Jährlich mußte ich sechs Taler bezahlen. - Behne war ein sehr christlicher Mann. Er ging zur Kirche, ob es regnete oder schneite, und seine zwei Gehilfen und drei Lehrlinge mußten immer mit in die Kirche. Ich blieb aber nur zwei Jahre in der Lehre. Das ist so gekommen:


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